„Online Prostituierte“ und was wirklich passiert ist.
- Corinna Frank

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Ich bin aktuell auf einer kleinen Insel in Thailand und darf hier als Austausch Yoga unterrichten. Es ist genau das, was ich wollte: unterrichten, Menschen begleiten, eine ruhige Routine aufbauen. Die Klassen liefen bisher immer gut, ich hatte viele regelmäßige TeilnehmerInnen und alles war unkompliziert. Bzw. sogar besser, ich habe regelmäßig viel Lob bekommen.

Aber diese wunderschöne Erfahrung sollte mir nun zunichtegemacht werden.
Einer dieser Teilnehmer war ein Mann, der fast täglich in meinen Stunden war, über Monate hinweg. Er hat mir gesagt, ich sei „die beste Yogalehrerin“, die er je hatte. Es gab nie einen Flirt, einfach nur professionellen Unterricht mit Distanz. Auch nach den Stunden hatten wir nie Zeit miteinander verbracht. Er hatte meine WhatsApp-Nummer, weil er mir unbedingt einen Song schicken wollte und nicht über AirDrop. Schwere Fehler…
Diese Nummer nutzte er, um mir manchmal irgendwelche unlustigen Sachen zu schicken oder Wünsche für die Klassen zu äußern.
Doch vor ein paar Wochen hat er sich wohl gedacht, er müsse mich nach einem Date fragen. Ich wiederhole: Es gab niemals, nicht einmal Anzeichen von Interesse. Und somit habe ich auch Nein gesagt, freundlich, klar, ohne Spielraum.

Er kam danach erneut zu meinen Yogastunden und hat sich sogar noch für meinen professionellen Umgang bedankt.
Was danach passiert ist, hat mich trotzdem überrascht.
Er behauptete plötzlich, er habe sich in meiner Klasse verletzt und ich hätte mich nicht um ihn gekümmert. Das war das erste Mal, dass sich etwas verschoben hat. Nicht nur, weil es so vermutlich nicht passiert ist, sondern weil es zeitlich keinen Sinn ergab. Er kam an diesem Tag zweimal in meine Klasse, und abends waren wir auf einer Party, wo ich ihn ignoriert hatte… Zwei Tage danach kam die Nachricht mit der Verletzung. Meine Reaktion darauf war sachlich und professionell.
Aber offensichtlich nicht ausreichend. Zumindest kam ein paar Tage später eine Nachricht an die Besitzerin des Yogashalas:
„Mein Nacken wurde letzten Mittwoch in deiner Yogashala unter der Aufsicht deiner Yogalehrerin verletzt, die sich als professionelle Lehrerin ausgibt, während sie deine Shala nutzt, um online erotische Inhalte zu produzieren. Das habe ich erst heute herausgefunden, als ich ihren angeblichen ‘Krankenschwester’-Hintergrund recherchiert habe und mich gefragt habe, warum sie sich nie wegen meiner Verletzung bei mir gemeldet hat. Das ist deinerseits völlig fahrlässig, und ich erwarte umgehend eine vollständige Rückerstattung des Betrags, den ich dir geschickt habe.“
Natürlich hat sie mich sofort kontaktiert, und hat ehrlich gesagt, für mich überraschend positiv reagiert. Sie hat mir sofort geglaubt und gesagt, sie wird diesem Mann Hausverbot erteilen.
Nachdem er von ihr nicht die gewünschte Reaktion erhalten hatte, durfte sich der Besitzer des Resorts, wo das Shala steht, am nächsten Tag über Bilder „freuen“.
Einige davon zeigen mich- Inhalte, die ohne meine Zustimmung im Internet verbreitet wurden. Andere Bilder zeigen eindeutig nicht mich, wurden aber in diesem Kontext so dargestellt, als ob sie es wären.

Das ist der Punkt, an dem es nicht mehr nur unangenehm ist, sondern gefährlich.
Denn es geht hier nicht um Meinungen oder persönliche Konflikte. Es geht darum, dass jemand gezielt versucht, meine berufliche und persönliche Identität zu zerstören, mit einer Mischung aus Halbwahrheiten, Lügen und bewusst falsch zugeordnetem Material.
Ich bin ausgebildete Yogalehrerin.
Ich bin examinierte Krankenpflegeperson.
Ich kann beides nachweisen.
Die letzten Nächte waren katastrophal für mich. Ich bin immer wieder nachts aufgeschreckt, weil ich solche Angst hatte, dass er mir etwas antun würde. Jedes Geräusch und mein Haus hier ist umgeben von Natur, hat mich in Schockstarre versetzt. Eine Nacht war besonders schlimm, weil an dem Tag die Bilder kamen und jemand noch meinte, man müsse sich nicht wundern, wenn man „online Prostituierte“ sei.
Und ja, ich habe einen Account auf einer Plattform, auf der ich selbstbestimmt Inhalte veröffentliche. Das ist meine Entscheidung. Und egal, wie man persönlich dazu steht: Es gibt niemandem das Recht, diese Information zu verdrehen, gegen mich zu verwenden oder mich darüber zu definieren.
Vor allem nicht als Reaktion auf ein Nein. Abgesehen davon, dass er es vermutlich erst nach der Date-Anfrage herausgefunden hat, aber selbst wenn nicht, selbst wenn ich nackt unterrichtet hätte: Ich schulde niemandem ein Date oder irgendetwas mit mir.
Dennoch haben mir das und die Tatsache, dass ich diesen Mann am Abend in der Nähe meines Hauses gesehen hatte, meine Nacht zum absoluten Albtraum gemacht. Ich konnte meine Tränen nicht kontrollieren, verletzt, wütend und voller Angst, er könnte kommen und mir etwas antun.

Was mich an dieser Situation am meisten beschäftigt, ist nicht einmal die Beleidigung selbst. Es ist die Geschwindigkeit, mit der sich eine Geschichte drehen kann, wenn jemand beschließt, sie zu verdrehen.
Ein „Nein“ wird plötzlich zu einem Angriff.
Professionalität wird in Frage gestellt.
Und aus einer Person wird ein Gerücht.
Was hier passiert ist, ist kein Einzelfall. Es zeigt, wie schnell digitale Inhalte, egal ob echt oder gefälscht, genutzt werden können, um jemanden unter Druck zu setzen. Und wie schwer es sein kann, die Kontrolle über die eigene Darstellung zurückzuerlangen, wenn andere anfangen, sie aktiv zu manipulieren.
Ich schreibe das nicht, um Mitleid zu bekommen.
Ich schreibe das, weil ich mich nicht auf ein Label reduzieren lasse, das aus Wut oder gekränktem Ego entstanden ist.
Ich lasse mir meine Qualifikationen nicht absprechen.
Und ich lasse mir auch nicht meine Stimme nehmen.
Was passiert ist, wird Konsequenzen haben, nicht für mich, sondern für die Person, die entschieden hat, so zu handeln.
Und bis dahin gilt:
Ich definiere selbst, wer ich bin. 💚




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