Sexueller Übergriff und warum ich immer noch wütend bin
- Corinna Frank

- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Es ist jetzt fast ein Jahr her.
Ein Jahr seit dem Tag, der mein Vertrauen in Männer erschüttert hat, in meine Institutionen und in das System, das uns eigentlich schützen sollte.
Und trotzdem fühlt es sich manchmal an, als wäre es gestern passiert.
Ich war damals in keiner guten Phase. Ich wollte mir etwas Gutes tun, mir Entspannung gönnen, mir selbst etwas Fürsorge schenken. Also habe ich einen Massagetermin ausgemacht. Nichts Ungewöhnliches. Etwas, das viele von uns machen, wenn sie sich gestresst oder verspannt fühlen.
Doch dieser Termin endete in einem Albtraum.
Ein Mann hat meine Grenzen überschritten. Er hat meinen Körper genommen, obwohl ich nie meine Zustimmung gegeben habe. Und seitdem ist nichts mehr so wie vorher.
Die zweite Verletzung: Das System
Ich ging zur Polizei.
Ich wollte, dass jemand zuhört, dass jemand versteht, dass jemand Gerechtigkeit sucht.
Doch was ich bekam, war Unglauben.
Zweifel.
Kälte.
Ich musste meine Geschichte mehrmals vor männlichen Polizisten erzählen, die kein Verständnis zeigten, die mich anschauten, als würde ich übertreiben oder fantasieren.
Ich fühlte mich klein.
Ich fühlte mich wieder ausgeliefert.
Erst eine Polizistin nahm mich ernst. Doch auch sie sagte, was viele Betroffene hören:
„Es wird schwierig. Aussage gegen Aussage. Ohne Beweise, kaum eine Chance.“
Das war der Moment, in dem ich begriff:
Unser System schützt nicht die Opfer. Es schützt die Täter.
Täter dürfen weitermachen
Der Mann arbeitet immer noch.
In seinem Massagestudio.
Er empfängt weiterhin KundInnen.
Er hat weiterhin Macht über fremde Körper.
Und ich? Ich trage die Folgen.
Ich kämpfe mit Flashbacks, mit Wut, mit Ohnmacht.
Ich frage mich, wie viele andere Frauen vielleicht dasselbe erlebt haben und einfach geschwiegen haben, weil sie dachten, es würde sowieso niemand glauben.
Die Wut bleibt , aber auch die Stimme
Was mich am meisten trifft, sind nicht nur die Taten selbst.
Es sind auch die Reaktionen der Gesellschaft.
Als ich mich kurz danach öffentlich geäußert habe, bekam ich Kommentare wie:
„Wenn du dich so zeigst, brauchst du dich nicht wundern.“
Das ist Victim Blaming.
Und es ist der Grund, warum so viele Betroffene schweigen.
Eine Massage ohne Kleidung ist nichts Anstößiges. Sie ist normal.
Aber ein Übergriff ist niemals!
Und er ist niemals die Schuld des Opfers.
Warum ich trotzdem spreche
Ich erzähle meine Geschichte, weil ich hoffe, dass irgendwann jemand den Mut findet, ebenfalls auszusagen.
Vielleicht eine andere Frau, die demselben Täter begegnet ist.
Vielleicht mehrere.
Und vielleicht, bekommt er dann doch noch die Strafe, die er verdient.
Ich erzähle sie auch, weil ich zeigen will:
Du bist nicht allein.
Und auch wenn das System versagt, auch wenn Menschen dich nicht verstehen, deine Wahrheit bleibt gültig.
Ich habe gelernt, dass Heilung nicht linear ist.
Manchmal fühlt man sich stark, manchmal zerbricht man an einem zufälligen Geruch, einem Raum, einem Wort.
Aber jedes Mal, wenn ich spreche, heile ich ein Stück mehr.
Und jedes Mal, wenn jemand zuhört, ohne zu urteilen, wird die Welt ein kleines bisschen sicherer.
Was ich mir wünsche
Ich wünsche mir, dass wir aufhören, Opfer zu hinterfragen.
Dass wir anfangen, Tätern wirklich zuzuhören, aber nicht um sie zu verstehen, sondern um sie zur Verantwortung zu ziehen.
Ich wünsche mir, dass kein Mensch sich so hilflos fühlen muss, wie ich mich an diesem Tag gefühlt habe.
Bis dahin bleibe ich laut.
Nicht, weil ich stark bin, sondern weil Schweigen keine Option ist.



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