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Fuck Zoos und warum Schaudörfer für mich dazuzählen

  • Autorenbild: Corinna Frank
    Corinna Frank
  • 20. Nov.
  • 4 Min. Lesezeit

Schaudörfer in Thailand


Schon bevor ich 2024 das erste Mal nach Thailand gereist bin, war mir absolut klar:

Ich werde nicht in sogenannte Elefanten-„Sanctuarys“ gehen.

Denn sobald du Elefanten anfassen, füttern oder mit ihnen posieren darfst, ist es keine Auffangstation, sondern ein Geschäftsmodell. Elefantenbabys werden oft ihren Müttern entrissen und mit grausamen Methoden gebrochen, damit sie „gefügig“ sind. Spoiler: Unfälle, sogar tödliche, passieren trotzdem immer wieder.


Womit ich mich vorher allerdings überhaupt nicht beschäftigt hatte, waren sogenannte Schaudörfer.



Wie ich in ein Schaudorf geriet


In Chiang Mai hatte ich mir einen Fahrer organisiert, der mich zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten bringen sollte (Sticky Waterfall, Teeplantagen, White Temple, Golden Triangle usw.). Auf der Fahrt erzählte er mir von einem „tollen Dorf“, in dem Menschen leben würden, die vor dem Krieg in Myanmar geflüchtet seien. Er wollte mich dorthin bringen.


Ich hatte keine Zeit zu recherchieren und vertraute ihm.


Dort angekommen musste ich erst einmal Eintritt zahlen, 300 Baht, angeblich direkt für die Menschen vor Ort. Dann ging es hinein: ein „Dorf“, bestehend aus Verkaufsständen. Die Verkäuferinnen und auch einige Kinder trugen schweren Halsschmuck, sodass es wirkte, als hätten sie extrem lange Hälse. Die berühmten „Giraffenhals-Frauen“.


Die Stimmung war für mich auffallend angespannt. Ich spürte sofort: Hier stimmt etwas nicht.

Mein Eindruck war eindeutig, dass das hier nichts ist, was die Menschen freiwillig tun.


Ich fragte meinen Fahrer, seine Antwort:

„Doch, doch, alle sind glücklich. Du kannst sogar Fotos mit ihnen machen.“


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Mir wurde ein solcher Halsschmuck kurz aufgelegt. Er war so schwer, dass ich mir unmöglich vorstellen konnte, ihn den ganzen Tag zu tragen – geschweige denn ein Leben lang.


Ich kaufte nichts, aber ich spendete. Allerdings warf ich das Geld nicht in die Box in der Mitte des Dorfes, sondern gab es unauffällig einer Frau direkt in die Hand. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass es nur so wirklich bei ihr ankommt.


Wir verließen das Dorf und ich begann sofort zu recherchieren.



Was ich herausfand


Das Erste, das erscheint, wenn man „Long Neck Village“ googelt:


„Findige Geschäftemacher belebten damit den Ethno-Tourismus: Zahlreiche Frauen, die seit Ende der 1980er Jahre von Myanmar nach Thailand oder Vietnam flüchteten, werden in Schaudörfern als ‚Long Neck Karen‘ bzw. als ‚Giraffen(hals)frauen‘ vermarktet.“ – Quelle: Wikipedia


Es ist faktisch ein Menschzoo.

Und ja ganz egal ob Tiere oder Menschen: Fuck Zoos!


Denn es geht nicht um Schutz, Hilfe oder kulturelle Bewahrung.

Es geht um Ausbeutung, um Profit, um die Vermarktung von Menschen, die kaum Alternativen haben.


Viele Frauen leben „freiwillig“ in solchen Dörfern, aber eben nur, weil ihre anderen Optionen sind:

• jahrelang untätig in Flüchtlingslagern,

• ohne Rechte irgendwo in Thailand,

• oder zurück nach Myanmar, wo Vergewaltigungen, Zwangsarbeit, Gewalt und die Zerstörung ganzer Dörfer drohen.


Anstatt Menschen zu schützen, werden sie zur Attraktion gemacht, weil sie „besonders“ aussehen. Betroffen sind vor allem Frauen und zunehmend auch junge Mädchen ab etwa fünf Jahren.


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Warum tragen Padaung-Frauen den Halsschmuck?



Die Padaung gehören zur ethnischen Gruppe der Karen. Der Brauch ist vermutlich rund 1.000 Jahre alt. Es gibt unterschiedliche Theorien:


  • Am wahrscheinlichsten: Schutz vor Frauenraub. Der massive Schmuck machte Frauen für Räuber unattraktiv.

  • Zusätzlich sollte er Geister und Dämonen fernhalten, das Weltbild war animistisch.

  • Mit dem Vormarsch des Christentums um 1820 wurde der Schmuck dann zum Schönheits- und Statussymbol: Je höher die Spirale, desto höher der Rang.



Später legten viele Frauen die Spiralen wieder ab, was entgegen vieler Mythen jederzeit möglich ist.

Der Hals wird nicht verlängert, und es besteht keine Gefahr eines Genickbruchs.

Es sind die Schultern, die sich mit der Zeit absenken.


Heute würden vermutlich nur wenige Frauen den Schmuck freiwillig tragen, aber durch die touristische Vermarktung sind sie wieder dazu gezwungen.



Was verdienen die Menschen in diesen Dörfern?


Frauen erhalten etwa 1.500 Baht im Monat.

Männer, die im Dorf leben dürfen, bekommen 260 Baht Nahrungsmittelzuschuss, weil sie angeblich „keine Aufgabe“ haben.


Rechne selbst:

Wie viel bleibt den Menschen wirklich von den täglichen Eintrittsgeldern, Käufen und den Spenden der Tourist*innen?



„Aber wenn keiner mehr hingeht, bringt das doch auch nichts…“ – Doch. Es bringt etwas.


Ein Paar auf Instagram meinte nach seinem Besuch:

„Wenn keiner mehr hingeht, hilft das ja auch niemandem.“


Doch! Tut es.


Und ja, ich verstehe die Sorge:

„Dann haben sie ja gar kein Einkommen mehr, verhungern sie dann nicht?“


Wichtig:

Diese Menschen dürfen das Dorf oft gar nicht verlassen. Nicht, weil sie frei wählen, sondern weil die Betreiber*innen fürchten, dass Tourist*innen sie „außerhalb“ sehen und das Geschäftsmodell zusammenbricht.


Es ist das System, das verhindert, dass sie Alternativen haben.


So wie bei Zoos, Aquarien, Zirkussen, Elefantenreit,…


➡️ Hören wir auf, das System zu unterstützen, verschwindet die Nachfrage.

➡️ Dann müssen andere Lösungen gefunden werden.


Und nein: Wir boykottieren nicht die Menschen.

Wir boykottieren das Ausbeutungssystem, das sich an ihnen bereichert.



Was wäre eine bessere Unterstützung?


Statt Eintrittsgelder zu zahlen, könnte man gezielt fördern:


  • NGOs, die Kayan-Familien in Thailand unterstützen

  • Initiativen, die rechtliche Anerkennung und Arbeitserlaubnisse fördern

  • Projekte, die Kultur auf nicht-ausbeuterische Weise vermitteln (Workshops, Kunsthandwerk, direkter fairer Handel)



So unterstützt man die Menschen und nicht das Geschäftsmodell.


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